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Attention-seeking youth

Attention-seeking youth

Wir plaudern Geheimnisse aus, damit uns jemand zuhört. Wir machen unüberlegte Sachen, damit wir eine neue Story haben. Wir trinken uns bis in den Blackout, damit wir uns selbst überraschen können. Wir küssen Menschen, die wir nicht leiden können, um unsere eigentliche Liebe aus dem Kopf zu bekommen. Wir leben unser Leben, ohne an Morgen zu denken. Wir wollen Aufmerksamkeit, die uns keiner gibt, außer wir tun etwas Gewagtes.

Es reicht nicht mehr, tolle Dinge zu erleben. Andere müssen mitbekommen, dass du diese Dinge erlebst. Während man früher noch der besten Freundin voller Reue vom letzten Abend erzählt hat, wird heutzutage gleich die ganze Party mit allen Menschen, die es auch nur ein klein bisschen interessieren mag, auf Snapchat, Instagram oder Facebook geshart.

Silvesterabend – heute wird auf der ganzen Welt gefeiert und wir feieren mit ihr. Ich bin auf einer WG-Party, wo ich von rund 50 Leuten vielleicht 5 kenne. Der Anfang ist träge, die meisten schon bis zum Rand abgefüllt, bevor die Uhr 12 schlägt und kurz nach dem Beginn des Jahres 2016 liegt der Großteil verteilt in Zimmern und döst vor sich her. Aber wird sowas gezeigt? Bekommt das jemand mit? Niemals. Am nächsten Tag berichtet man nur von dem genialen Silvesterabend. Von den skandalösen Szenen. Wer hat mir wem rumgemacht und wer saß bei wem auf dem Schoß. Die Tränen von dem Mädchen, das auf dem Kerl dort hinten steht, der gerade mitten in eine Knutscherei vertieft ist, bemerkt fast niemand. Und wer es bemerkt, vergisst es einen Moment später.

Überall liegen Scherben und die Gardinen und Möbel sind demoliert. Doch das scheint in Ordnung zu sein. Jemand macht ein Foto von der schlafenden Meute und drapiert sogar einen Stuhl auf ihnen. Ich bekomme erzählt wie der eine Typ regelmäßig bekifft und betrunken mit seinen Freunden Auto fährt. Ich soll es wohl cool finden, aber kurz darauf schreitet ein anderer Kerl ein. Er erzählt, wie sein Freund deshalb im Rollstuhl sitzt, und plötzlich fällt die Fassade. Reue und Mitleid und auch Scham sind jetzt zu hören. Alle wissen, dass es falsch ist, aber trotzdem werden sie es wieder und wieder machen.

Die Nacht scheint unendlich zu sein. Wir tanzen und tanzen, bis wir nur noch zu siebt sind. Mittlerweile geht die Sonne langsam auf und ein neuer Tag bricht an. Wir müssen die Blase, in der wir uns gerade befinden, verlassen. Ich werde wohl niemanden von den Leuten, die bis zum Schluss mitgezogen haben, wiedersehen. Und ganz ehrlich? Ich finde es gut. Denn so bleibt die Erinnerung an die Menschen genau in dem gleichen Zustand, wie die gesamte Nacht. Manchmal reicht eine Begegnung.

Titelbild via Unsplash

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  1. Doro

    3 Januar

    Schöner Text. Irgendwie traurig, aber vieles von dem was du schreibst stimmt eben genauso überein, wie man es um sich herum erlebt.
    Liebe Grüße Doro

  2. Maccabros

    4 Januar

    Du hast Recht – wir sollten uns mehr auf die wesentlichen Menschen und Dinge konzentrieren…

    LG

    Maccabros

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